RatgeberFermentieren

Weißkohl fermentieren im Glas: Rezept ohne Gärtopf

Josef "Sepp" Brunner · Fermentieren & Einlegen
Akt. 7. August 2026 · 9 Min Lesezeit
Bügelglas mit grob geschnittenem, fermentiertem Weißkohl in trüber Lake, daneben ein halbierter Weißkohlkopf
Bild: erntedankt.de (KI-generiert)

Für Weißkohl gibt es bei mir im Keller zwei Wege. Den großen – fein gehobelt, geknetet, im Topf für den Wintervorrat – findest du im Beitrag zum Sauerkraut selber machen; der ist hier ausdrücklich nicht noch einmal Thema. Und dann gibt es den kleinen Weg, um den es heute geht: ein halber Kohlkopf, grob geschnitten, ein Bügel- oder Schraubglas, kein Gärtopf, kein Hobel. Für den ersten Versuch und für kleine Küchen ist er der schönere Einstieg.

Grobe Kohlstücke haben allerdings eine Eigenheit, die fein gehobeltes Kraut nicht kennt – wer sie nicht einplant, steht nach zwei Tagen vor einem halb trockenen Glas und wundert sich. Weiter unten löse ich auf, was dahintersteckt und wie du es mit einem Krug Wasser erledigst.

Grob im Glas oder fein im Topf? Der ehrliche Unterschied

Beides ist Milchsäuregärung, beides wird sauer und haltbar – aber Aufwand und Ergebnis unterscheiden sich deutlich. Grobe Stücke sind in einer Viertelstunde im Glas und bleiben bissfest wie ein säuerlicher Krautsalat. Fein gehobeltes Kraut kostet mehr Arbeit, wird dafür mürber, saftiger und mit der Zeit zu dem Sauerkraut, das man vom Teller kennt.

Grobe Stücke im Glas Fein gehobelt (klassisch)
Aufwand schneiden, salzen, andrücken hobeln und kneten, bis Saft steht
Flüssigkeit eigener Saft + Lake zum Auffüllen der geknetete Saft ist die Lake
Gärdauer 2 bis 4 Wochen 7 bis 21 Tage, dann Reife
Ergebnis bissfest, frisch, grob mürbe, saftig, das klassische Kraut
Menge ein Glas, ein halber Kopf Wintervorrat, mehrere Kilo

Mein Rat: Fang mit dem Glas an. Wenn dich das Ergebnis packt – und die Chance ist hoch -, wächst du von allein in die klassische Strecke hinein.

Salz und Lake: die 2-Prozent-Linie

Beim Salz bleibt alles bei der bewährten Linie: 2 % vom Kohlgewicht, also 20 g Salz auf 1 kg geputzten Kohl. Die Fachleute nennen als Spanne 2 bis 5 % – ich bleibe an der unteren Kante, das reicht für die Sicherheit und schmeckt nicht vorlaut. Wieg beides ab, Kohl wie Salz; Schätzen ist beim Fermentieren der teuerste Fehler. Und wie immer gilt: reines Stein- oder Meersalz ohne Jod und ohne Rieselhilfe.

Dazu kommt bei diesem Rezept ein zweiter Ansatz, und der ist die kleine Besonderheit: eine 2-%-Lake auf Vorrat – 20 g Salz auf 1 Liter Wasser, kurz aufgekocht und abgekühlt. Wofür du die brauchst, klärt sich gleich.

Schritt für Schritt: Weißkohl im Glas fermentieren

Hände eines älteren Mannes schneiden einen Weißkohl auf einem Holzbrett in daumenbreite Stücke
Daumenbreite Stücke statt feiner Streifen – der ganze Unterschied zum klassischen Kraut · Illustration: erntedankt.de (KI-generiert)

Für ein 1-Liter-Glas reicht ein halber, kleiner Kohlkopf – etwa 600 bis 800 g geputzt. Dann geht es so:

  1. Kohl putzen
    Die äußeren Blätter entfernen, ein sauberes, großes Blatt beiseitelegen. Den Kohl vierteln und den Strunk herausschneiden.
  2. Grob schneiden
    Die Viertel in daumenbreite Stücke schneiden – ruhig unregelmäßig, nur nicht zu dünn, sonst wird es weich.
  3. Salzen und ziehen lassen
    Die Stücke mit 2 % Salz (20 g pro kg) in einer Schüssel kräftig mischen und 30 bis 60 Minuten stehen lassen, bis erster Saft austritt.
  4. Fest einschichten
    Portionsweise ins Glas drücken – mit der Faust oder dem Stampfer -, damit möglichst wenig Luft zwischen den Stücken bleibt. Den Schüsselsaft mit angießen.
  5. Lake auffüllen und beschweren
    Mit der 2-%-Lake auffüllen, bis alles bedeckt ist. Das Kohlblatt auflegen, beschweren, 2 bis 3 cm Luft zum Rand lassen.
  6. Gären lassen
    Deckel locker schließen (Bügelglas: einfach zu, der Gummi lässt Druck ab), Glas auf einen Teller stellen. Erste Woche bei etwa 20 °C, danach kühler – nach 2 bis 4 Wochen nach Geschmack in den Kühlschrank.
Gesalzene Weißkohlstücke werden mit der Faust fest in ein Bügelglas gedrückt
Fest andrücken, damit möglichst wenig Luft zwischen den Stücken bleibt · Illustration: erntedankt.de (KI-generiert)

Beim Andrücken hilft ein Krautstampfer aus Holz *, wenn du öfter ansetzt – für ein einzelnes Glas tut es die Faust genauso. Ab dem zweiten Tag blubbert es leise, die Lake wird trüb, und das Bügelglas seufzt ab und zu, wenn es Druck ablässt. Alles gute Zeichen: Da drin arbeitet die Gärung für dich.

Die Auflösung: grobe Stücke brauchen Lake von außen

Jetzt zur Eigenheit vom Anfang. Fein gehobelter Kohl hat riesige Schnittflächen

  • beim Kneten zieht das Salz so viel Saft, dass er das Kraut von selbst bedeckt. Grobe Stücke haben viel weniger offene Fläche. Sie geben auch nach einer Stunde Ziehen nur einen Teil dessen ab, was das Glas braucht – und ein Ferment, das trocken aus der Flüssigkeit ragt, kippt dir früher oder später.

Deshalb der Krug: Füll mit der 2-%-Salzlake auf, bis wirklich alles bedeckt ist. Das ist kein Trick aus der Not, sondern ein fachlich sauberer Weg – auch das Bundeszentrum für Ernährung nennt das Aufgießen mit gekochter Salzlösung ausdrücklich als Lösung, wenn der eigene Saft nicht reicht.

Aus einem Krug wird Salzlake über die Kohlstücke im Glas gegossen, bis sie vollständig bedeckt sind
Die Auflösung: grobe Stücke brauchen Lake von außen, bis alles bedeckt ist · Illustration: erntedankt.de (KI-generiert)

Bedeckt heißt dann auch bedeckt bleiben: Kohlstücke schwimmen gern auf. Das beiseitegelegte Kohlblatt hält als Deckel die kleinen Stücke unten, darauf kommt ein Gewicht. So bleibt die Oberfläche geschlossen, der Sauerstoff draußen – und die Milchsäure senkt den Säuregrad so weit, dass Fäulnisbakterien keine Chance haben. Das Ferment schützt sich selbst, du musst es nur unter Wasser halten.

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Varianten: mit Möhre, Apfel und Kümmel

Ein Glas mit grob geschnittenem Weißkohl, Möhrenscheiben, Apfelspalten und Kümmelkörnern in Lake
Mit Möhre, Apfel und Kümmel wird aus dem Grundrezept ein buntes Herbstglas · Illustration: erntedankt.de (KI-generiert)

Das Grundrezept verträgt Gesellschaft, und im Herbst liegt sie ohnehin auf dem Tisch:

  • Mit Möhre: eine große Möhre in Scheiben untergemischt bringt Farbe und eine feine Süße. Wenn dich die Lake-Methode mit Möhren allein reizt – das Möhren-Ferment ist der einfachste Einstieg überhaupt.
  • Mit Apfel: ein säuerlicher Apfel in Spalten macht das Glas mild und fruchtig. Solche Gläser esse ich früher weg – der Apfel wird mit der Zeit weicher als der Kohl.
  • Mit Kümmel und Wacholder: je ein Teelöffel bzw. ein paar Beeren, der klassische Krautgeschmack. Bei uns hieß es immer, der Kümmel helfe dem Bauch; jedenfalls schmeckt er, als hätte er schon immer dazugehört.

Und die Frage, die dabei jedes Mal kommt: Ist das dann Sauerkraut? Dasselbe Prinzip, ja – aber grobe Stücke werden nie so mürbe und tief-sauer wie fein gehobeltes, lang gereiftes Kraut. Sie sind etwas Eigenes: frischer, knackiger, schneller auf dem Tisch. Wer das echte Kraut will, geht den klassischen Weg.

Woran du merkst, dass alles läuft

Die Zeichen sind dieselben wie bei jedem Ferment: erst Blubbern und Schäumen, dann wird es stiller; die Lake trübt ein, der Kohlgeruch wird sauer-frisch. Ein flaches weißes Häutchen auf der Oberfläche ist meist harmlose Kahmhefe – abschöpfen, weitermachen. Pelzig und farbig wäre Schimmel, dann muss der ganze Ansatz weg; die Bildstrecke zum sicheren Unterscheiden findest du im Grundlagen-Beitrag.

Nach zwei Wochen probiere ich das erste Mal, nach vier ist das Glas meist da, wo ich es haben will. Dann ab in den Kühlschrank, wo es mindestens sechs Monate hält – theoretisch. Praktisch rechne ich bei Kohlgläsern in Kellermonaten, und viele erleben den dritten nicht. Fürs Umfüllen und Lagern kleiner Portionen lohnt ein Blick in den Weck-Gläser-Kaufberater – bis der Vorrat wächst, reicht das eine Glas.

Häufige Fragen zum Weißkohl im Glas

Kann ich Weißkohl ohne Gärtopf fermentieren?
Ja, problemlos. Ein sauberes Bügel- oder Weithals-Schraubglas reicht für kleine Mengen völlig. Entscheidend ist nicht das Gefäß, sondern dass der Kohl vollständig unter der Lake bleibt und das Gärgas entweichen kann. Ein Gärtopf lohnt erst bei mehreren Kilo für den Wintervorrat.
Wie viel Salz brauche ich für 1 kg Weißkohl?
20 Gramm, also 2 Prozent vom geputzten Kohlgewicht. Für die Auffüll-Lake gilt dasselbe Verhältnis: 20 g Salz auf 1 Liter Wasser. Wieg beides ab und nimm reines Stein- oder Meersalz ohne Jod und ohne Rieselhilfe, damit die Gärung ungestört läuft.
Wie lange muss Weißkohl im Glas fermentieren?
Grobe Stücke brauchen 2 bis 4 Wochen: die erste Woche bei etwa 20 °C, danach kühler bei rund 15 °C. Probier ab der zweiten Woche – schmeckt es angenehm sauer, kommt das Glas in den Kühlschrank. Fein gehobeltes Kraut ist mit 7 bis 21 Tagen schneller.
Was mache ich, wenn der Saft den Kohl nicht bedeckt?
Mit 2-prozentiger Salzlake auffüllen: 20 g Salz in 1 Liter Wasser auflösen, kurz aufkochen, abkühlen lassen und angießen, bis alles bedeckt ist. Grobe Stücke ziehen von Natur aus weniger Saft als gehobeltes Kraut – das Auffüllen gehört bei diesem Rezept einfach dazu.
Ist grob fermentierter Weißkohl dasselbe wie Sauerkraut?
Das Prinzip ist dasselbe, die Milchsäuregärung. Das Ergebnis nicht: Grobe Stücke bleiben bissfest und frisch-säuerlich, während fein gehobeltes, lang gereiftes Kraut mürbe und tief-sauer wird. Für klassisches Sauerkraut hobelst du fein und knetest, bis der eigene Saft den Kohl bedeckt.
Bügelglas oder Schraubglas – was eignet sich besser?
Beides funktioniert. Das Bügelglas ist bequemer, weil der Gummiring Überdruck von selbst ablässt. Beim Schraubglas drehst du den Deckel nur locker zu oder lüftest einmal täglich kurz. In beiden Fällen: 2 bis 3 cm Luft zum Rand lassen und das Glas auf einen Teller stellen.

Ein halber Kohlkopf, ein Glas, ein Krug Lake – mehr steht zwischen dir und deinem ersten Kohl-Ferment nicht. Und wenn du danach wissen willst, warum das alles so zuverlässig funktioniert, nimm dir in Ruhe die Grundlagen zum Fermentieren vor – das Glas gärt derweil geduldig weiter.

Josef "Sepp" Brunner
Fermentieren & Einlegen · zuletzt akt. 7. August 2026
Gelernter Gärtner und lebenslanger Selbstversorger mit einem Gärtopf im kühlen Keller. Weiß, wann die Lake trüb werden darf und wann Schimmel wirklich Schimmel ist – und rät nur zu Töpfen, die bei ihm selbst schon einen Winter überstanden haben.
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